Rinah Lang

Ich sag's euch

Kundendialog über den Wolken

Wünsche von den Lippen ablesen – dieses Talent würde sich bei Flugbegleitern doppelt bezahlt machen. Autorin und Stewardess Kathrin Leineweber versucht mitten im Gebrumm der Triebwerke und Surren der Klimaanlage, ihren Gästen die Flugzeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Was das bedeutet, zeigt folgender Auszug aus ihrem Buch „Tür zu, es zieht! Aus dem Leben einer Stewardess“. Ein Gastbeitrag von Kathrin Leineweber

Die Triebwerke rauschen am schönsten an der 2er- und 3er-Tür, also unmittelbar vor und hinter der Tragfläche, und hier ist es bis zum Erreichen der vorläufigen Reiseflughöhe immerhin so laut, dass es sich kaum lohnt, etwas zu sagen. Versteht eh keiner. Später im Reiseflug nimmt das Gebrumm ein wenig ab, aber dazu gesellt sich dann vermehrt das Surren der Aircondition. An dem im Gang stehenden Flugbegleiter zischt es etwa auf Ohrenhöhe vorbei, was die Kommunikation mit dem sitzenden Gast nicht unbedingt erleichtert. Folgendes ist mir auf meinem ersten Flug nach Heraklion, der größten Stadt auf Kreta, passiert:

 

„Was möchten Sie gerne trinken?“, fragte ich an diesem Morgen etwa zum 52. Mal.


„Was haben Sie denn?“, erhielt ich eine Gegenfrage aus Reihe 14. Dort saß ein Herr um die 40, mit gegeltem Haar und im sportiven Joggingoutfit. Das „…en“ kam bei mir gerade noch an.


„Ja, ich kann Ihnen natürlich etwas einschenken, was möchten Sie denn gerne?“


„Wasser und Cola!“ Ich verstand „Whiskey-Cola“ und wunderte mich ein wenig, für Alkohol war es doch morgens um acht noch ein wenig früh.


„Als Longdrink oder separat?“


„…?“


„Gemischt auf Eis oder beides getrennt?“


„Nee, kein Eis, was zu trinken!“

 

Ich nahm ein Whiskey-Fläschchen aus der Bar. Der Gast beobachtete interessiert, wie ich den Whiskey öffnete, in ein Glas einschenkte, mit einem Cocktailquirl verzierte und ihm dann anreichen wollte.


Ungläubig schüttelte er den Kopf und verschränkte entrüstet die Arme. „Ich wollte ein W-A-S-S-E-R und ’ne C-O-L-A! Keinen Schnaps!“, rief er empört und auf einmal in einer sehr gut verständlichen Lautstärke.


Verdammte Klimaanlage! In der nächsten Reihe war ich vorsichtiger und beugte mich so weit vor, dass die Distanz von Flugbegleiter-Ohr zu Gast-Mund sich deutlich verringerte – was mir allerdings spätestens nach dem zwanzigsten Mal ziemliche Verspannungen im Halswirbelbereich bescherte.

 

Aber das waren nur die Anfangsschwierigkeiten. In relativ kurzer Zeit gelang es mir wie den meisten meiner Kollegen, die Wünsche den Gästen von den Lippen abzulesen. Ich lernte sehr schnell, dass es für die Frage nach dem Getränkewunsch nur einen richtigen Zeitpunkt gab: nämlich den Moment, bevor der Gast herzhaft in sein Brötchen biss. Die meisten Passagiere waren nämlich bemüht, die Frage umgehend zu beantworten, auch bei vollem Mund. Das führte dann wiederum zu Verständigungsschwierigkeiten – oder in ganz eifrigen Fällen zu hässlichen feuchten Bröckchen auf der Uniformbluse.

 

Schwierig wurde es allerdings, wenn die Aussprache der Passagiere etwas eigenwillig war. Lustige Betonungen von Fremdwörtern trugen oft zur Unterhaltung oder zum Rätselraten bei, wie etwa „Some pen“ (nein, kein Kugelschreiber, sondern Champagner, bestellt mit dänischem Akzent), „Rämieh Marteng“ (französischer Weinbrand) und „Beeeliehs“ (Whiskey-Sahne-Likör) aus dem Bereich der Getränke oder „Schlö“ (Chloé), „Gaul-Tier“ (Gaultier) und „J null null P“ (JOOP) aus dem Parfumsortiment.

 

Aber auch Dialekte bereicherten ungewollt die Unterhaltung an Bord, so geschehen auf einem meiner ersten Flüge nach München. Ein breitschultriger Gast um die 50 in feschem Janker und Krachlederner saß auf dem Gangplatz.

 

„Was möchten Sie gerne trinken?“, frage ich ihn.


„An Überkinger, bitt’ schön.“ Der Herr grinste mich freundlich an.


„Entschuldigung, was möchten Sie gerne?“ Ich konnte mir auf die Bestellung keinen Reim machen.


„I mog an Überkinger!“


Nun war mir trotz meiner hanseatischen Wurzeln der bayerische Dialekt durchaus geläufig – doch von einem Überkinger hatte ich bis dato nie etwas gehört.


„Überkinger führen wir leider nicht. Wir haben Cola, Fanta, Sprite, O-Saft, Apfelsaft, Tomatensaft, Kaffee, Tee …“ Während meiner Aufzählung zeigte ich mit dem Finger auf die entsprechenden Getränke, die auf Augenhöhe vor dem Herrn aus Süddeutschland parkten.

 

Er grinste jetzt schon nicht mehr, sondern schaute ein wenig genervt: „Jo, Herrschaftszeiten nomol, ihr hobt all dies Zeugs, aber koan Überkinger?“


Wenn ich doch zum Teufel gewusst hätte, was dieser Mann meinte. „Wir haben auch noch Red Bull, Tonic, Bitter Lemon …“, versuchte ich ein weiteres Angebot. „Oder vielleicht Kamillentee?“

 

Kurz bevor ich vor Verzweiflung in die Trolleykante beißen konnte, zupfte mich links jemand am Ärmel. „Frollein?“


Ich holte gerade tief Luft, um noch um einen Moment Geduld zu bitten, da sagte die Dame, die offenbar auch bayerische Wurzeln hatte:
„Der Mann will ein Wasser. Mit Gas. Ein Überkinger halt, verstehen S’?“


Ach so. Ein simples Sprudelwasser. Und warum sagte er dann nicht einfach Apollinaris? Oder Selter?


Ich bedankte mich artig bei der Dame, schenkte dem Passagier sein Wasser ein und stellte mich dem nächsten Gast. Der bestellte einen „Tschjuhss“.


„Wie bitte?“


„Einen Domadenschjuhss!“

 

Das war einfach – ohne den flog die Maschine ja nicht. Und der stand auf dem Getränkewagen direkt neben dem Orahschentschjuhss …

 

Über die Autorin

Kathrin Leineweber, 50, betrat ihren zukünftigen Arbeitsplatz mit acht Jahren. 1975 flog sie mit Oma und Opa nach Mallorca. Mittlerweile ist sie seit 27 Jahren als Stewardess für eine deutsche Airline im Einsatz. Sie selbst beschreibt ein Flugzeug als „eine Showbühne für unglaubliche, witzige, rührende und haarsträubende Geschichten“. Und diese hat sie in mehreren Büchern niedergeschrieben. Hierzu zählt „Tür zu, es zieht! – Aus dem Leben einer Stewardess“, erschienen im Piper-Verlag (ISBN: 978-3492300964).

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