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Servicewüste Deutschland?

Warum Warten auch ein Kulturgut ist

Heiraten, so sollte man denken, ist gemeinhin eines der schönsten Erlebnisse im Leben. Nur nicht in Berlin. Dort sollten sich alle, die vielleicht in drei, vier Jahren „Ja“ zueinander sagen möchten, besser jetzt schon in die Warteschlangen vor den Standesämtern einreihen. Sonst wird das nix mit dem Bund fürs Leben. Denn wenn ab diesem Herbst auch die gleichgeschlechtlichen Paare die Standesämter Berlins belagern, könnte es sogar 2030 werden, bis ein Termin frei wird.

 

Ab etwa vier Uhr in der Früh campieren die Ersten vor den Standesämtern im Trendbezirk Mitte, um eine der wenigen Wartemarken zu erhalten. Diese berechtigt aber lediglich zum Eintritt in die Amtsstuben ab 7.30 Uhr. Wer zu spät kommt, den bestraft das Nicht-Eheleben.

 

Ein Guinness-Rekord


Wie es anders gehen kann, zeigen etwa die Esten. Der kleine Baltenstaat ist das digitale Vorzeigeland Europas. Eine Gewerbesteueranmeldung – in Deutschland meist eine Sache von Wochen und Monaten – dauert dort gerade einmal 18 Minuten! Das ist „Guinness Book“-Weltrekord.


In 18 Minuten kommt man in der Berliner Hochzeits-Antrags-Schlange gerade mal geschätzte 13 Zentimeter voran. Doch seien wir versöhnlich. Um mit den Worten des Philosophieprofessors Stefan Gosepath von der Freien Universität Berlin zu sprechen, lässt sich dem Beine-in-den-Bauch-Stehen auch etwas Gutes abgewinnen: „Wenn wir das Warten verlernen würden, wäre das ein kultureller Verlust.“

 

Mehrwert Warten


Wer an der Busstation, im Wartezimmer des Arztes oder beim Termin im Einwohnermeldeamt wartet (und ausnahmsweise mal nicht auf sein Smartphone-Display starrt), der nimmt sein Umfeld aktiv wahr, lauscht dem Vogelgezwitscher oder dem Geschnatter der Nachbarn, kaut kreativ auf spontanen Ideen herum – oder blickt in die Augen der lang gesuchten großen Liebe auf den ersten Blick. Spätestens dann bringt das Warten einen echten Return on Invest.

 

Und wenn das Ganze dann noch in Berlin-Mitte, Friedrichshain oder Charlottenburg passiert, ist das frische Paar bereits gestärkt für das, was dann später beim Eheantrag in der Behörde bevorsteht. Denn was gibt es Schöneres, als die Nacht unter dem Sternenhimmel vor dem Standesamt zu verbringen? Außerdem kann sich das Paar nach einer erfolgreich überstandenen Reifeprüfung im deutschen Behördendschungel sicher sein, dass der Partner der Richtige ist. Die Ehe ist im Gegensatz dazu der reinste Spaziergang.

 

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