Du Entdeckerin

Im Wind des Wandels

Hinfallen und wieder aufstehen – das gehört zum Leben von Nienke dazu. Privat wie beruflich erlebte sie schon viele Veränderungen. Was sie daraus gelernt hat und wie Mut, Offenheit und Abenteuerlust zu ihren stetigen Begleitern wurden.

Ein Januarmorgen in Amsterdam. Das Wetter ist trüb, der Himmel wolkenverhangen. Der Regen peitscht gegen die Fenster der Hotels und Bürogebäude. Auf den Vorplätzen wanken die Fahnenmasten, während der Wind an den Flaggen zerrt und sie quietschend von einer Richtung in die andere bewegt. Der kurze Fußweg vom Hotel zur ING Domestic Bank ist unangenehm. Die Menschen auf der Straße haben ihre Kapuzen tief in ihr Gesicht gezogen, trotzdem flattern Haare und Schals. Sturmtief Friederike macht es schwer, geradeaus zu laufen,  viele Passanten bleiben immer wieder stehen. Nienke ist wegen des Sturms etwas spät dran, als sie mit zerzausten Haaren, in einer grauen Fellweste und Stiefelletten mit Leo-Print die Lobby des Acanthus-Towers betritt. Sie lächelt trotzdem.

 

Aus ihrer Tasche ragt ein orangener Telefonhörer mit ING-DiBa Branding. „Den habe ich während meiner Zeit bei der ING-DiBa bekommen. Deswegen musste ich ihn heute einfach zu unserem Termin mitbringen. Das Gute ist: Damit kann man sogar richtig telefonieren“, sagt sie lachend. Kurz darauf kommt der Telefonhörer direkt zum Einsatz. Als sie in der Schlange der Kaffeetheke steht und ihr Handy klingelt, verbindet sie es kurzerhand mit dem orangenen Hörer und nimmt darüber das Gespräch entgegen. Ihr Telefon klingelt im Laufe des Tages noch häufiger. Auf dem Weg durch das Büro grüßt sie viele Kollegen und spricht kurz mit ihnen. Nienke bringt Leute und Themen zusammen, das ist ihr Job. Die 42-Jährige ist seit Anfang 2017 Expert Lead im Talent Management der ING Domestic Bank in Amsterdam. Das Talent Management ist Teil des Centers of Expertise für „Talent & Learning“. Ende 2016 wurde HR zum Abschluss der Transformation als Teil der Support-Säule umgestellt.

Offene Arbeitsatmosphäre mit Liebe zum Detail

 

Dass agiles Arbeiten eine völlig andere Arbeitsweise ist, wird schon durch die Gestaltung des Gebäudes und der Atmosphäre deutlich. Kollaboration steht im Mittelpunkt. Sterile Büroflächen mit Reihen von Schreibtischen gibt es nicht. Das Büro ist mit Liebe zum Detail eingerichtet. Alles ist sehr offen, die meisten Wände sind aus Glas. Auf jede Tischgruppe mit einer Handvoll Arbeitsplätzen folgt ein Meetingraum aus Glas. Die Wände fungieren als Portfolio Wall, sind mit bunten Post-its beklebt oder zeigen die Aufgaben des Backlogs. Die Mitarbeiter besprechen sich oder stehen rund um ein Whiteboard und skizzieren gemeinsam eine Idee. Überall gibt es Sitzecken und Sofas für eine kurze Kaffeepause oder eine Besprechung. Nienke sitzt gerne in ihrer Lieblingsecke auf der Galerie, in einem grauen Sofa, vor einer großen Fensterfront mit Blick auf den Garten im Innenhof. Dahin zieht sie sich manchmal zurück. Dort erzählt sie uns von ihrer Reise.

 

Abenteuerlust liegt ihr im Blut

 

Ihr Job als Talent Managerin liegt ihr quasi in den Genen. „Veränderung ist die Konstante in meinem Leben. Ich ziehe alle vier bis fünf Jahre um und wechsele das Haus, die Stadt oder sogar das Land.“ Ihr Vater war ein Expat, zog aufgrund des Jobs mit der ganzen Familie oft um. Als Nienke gerade sechs Jahre alt war, wanderte die Familie in die USA aus. „Ich habe eine ganz schöne Reise hinter mir. Jetzt helfe ich Kollegen auf ihrer Reise durch die ING“, sagt die gebürtige Niederländerin und ergänzt: „Dass ich selbst so oft umgezogen bin, hilft dabei. Ich weiß, was es bedeutet, als Kind mit einer neuen Sprache und Kultur konfrontiert zu werden.“ Gleich­zeitig kenne sie aber auch die „Abenteuerlust als Erwachsener, einen neuen Schritt zu wagen“.

Nienke arbeitet nach zehn Jahren im Ausland nun in ihrer jetzigen Position das erste Mal wieder für den niederländischen Markt. „Angefangen hat alles in Amsterdam. Nach meinem Wirtschaftsstudium habe ich für einen großen Kreditkartenanbieter gearbeitet. Nach vier Jahren hat es mich aber in den Fingern gejuckt – ich wollte mich verändern.“ Es folgten ein MBA-Studium, drei Jahre bei der ING in Belgien als Marketing Manager für die ING Card und zwei weitere bei der ING im Bereich Payments Retail Europe. Marketing, Vertrieb, Strategie und Führung sind ihre Themen, immer in einem internationalen Kontext. Die unterschiedlichen beruflichen Stationen helfen ihr, das große Ganze im Blick zu behalten: „Bei allem, was ich mache, nehme ich immer die Perspektive des Kunden ein. Welchen Vorteil hat das für ihn, welchen zusätzlichen Nutzen? Und was bringt es für unser Geschäft?“ Nienke nennt das, passenderweise ganz im Marketing-Jargon, ihren „USP“, Unique Selling Point.

 

Dann bot sich die Gelegenheit, zu HR zu wechseln. „Schon im Studium hat mein Herz für HR-Themen geschlagen, aber ich wollte nicht nur ein Thema machen. Dennoch sind Menschen mein Lieblingsprodukt. Die Chance, ins Talent Management zu wechseln, war perfekt. Ich bringe quasi Angebot und Nachfrage zusammen“, erläutert Nienke. Dort kam sie mit der ING-DiBa in Kontakt und erhielt schließlich das Angebot, nach Deutschland zu kommen.

„Am Anfang dachte ich, agiles Arbeiten betrifft mich im Finanzbereich nicht – ich wurde aber schnell eines besseren belehrt. Die Arbeitsweise ist Gewöhnungssache. Es ist viel transparenter, wer was macht und entscheidend, dass jeder gleichermaßen seinen Beitrag leistet. Sonst funktioniert es nicht. Wenn etwas nicht läuft, wird das aber auch schneller deutlich, da sich alle wechselseitig Feedback geben. Reibungen sind nötig, um sich gegenseitig zu challengen und optimal zu performen.“

Ivo, ING Tribe Lead Finances

Auf den Regen folgt die Sonne

 

Auf nach Deutschland? „Angst vor der Veränderung hatte ich keine. Ich habe schon als Kind gelernt, offen für alles zu sein, was anders ist. Ich bin von Grund auf positiv, dadurch wurde ich vielleicht bisher auch überall willkommen geheißen und konnte viel mitnehmen, privat wie beruflich“, sagt Nienke. Beruflich gehöre auch eine Portion Vertrauen dazu, gemeinsam viel erreichen zu können. Nienke ergänzt: „Ich habe erlebt, wie förderlich es ist, wenn Leute mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen.“

 

Sie blieb drei Jahre in Frankfurt und half dabei, das Talent Management aufzusetzen. „Die Zeit bei der ING-DiBa war die beste in meiner bisherigen Karriere. Ein wachsendes Unternehmen, gut organisiert, das rundläuft, mit klasse Leuten und einer tollen Kultur“, schwärmt Nienke bis heute. Während Nienke im „Feel-good-Movie“ war, wie sie scherzhaft sagt, tobte bei der Domestic Bank der Sturm. Nach langen Jahren der Reorganisation und vielen Entlassungen waren die Mitarbeiter müde, als 2015 eine weitere Veränderung hin zum agilen Arbeiten bevorstand. „Es passt, dass es heute so stürmisch ist, auch die Umstellung auf das agile Arbeiten war turbulent. Mittlerweile haben wir die Transformation abgeschlossen und fangen an, richtig zu performen. Aber die Umstellung war ein Prozess, der Zeit brauchte“, sagt sie.

Nächstes Abenteuer: Agilität

 

Nienke kam zur Domestic Bank, kurz nachdem auch die letzte Säule umgestellt wurde. Raus aus der Komfortzone, rein in die Agilität. „Ganz ehrlich: Es war nicht einfach am Anfang. Hinfallen, aufstehen, hinfallen. Aber irgendwann fällt man nicht mehr so tief. Ich habe unglaublich viel dabei gelernt“, berichtet Nienke von ihren Erfahrungen. Sie ist inzwischen ein großer Fan des agilen Arbeitens, sogar bei ihr zu Hause hat es Einzug gehalten: In ihrer Küche notiert sie alle Aufgaben der Wochen auf bunten Post-its und klebt sie an den Schrank,

sehr zur Belustigung ihrer achtjährigen Tochter.


Agiles Arbeiten fokussiert mehr auf den Kunden und die Ziele, die es zu erreichen gilt. Dabei ist es sehr viel visueller mit Methoden und Instrumenten wie der Portfolio Wall. „Jeder bringt seine eigene Perspektive ein, das ist wertvoll. Im Team arbeiten wir besser zusammen und können so auch viel mehr für unsere Kunden auf den Weg bringen“, weiß Nienke. Durch die kürzeren Arbeitszyklen von zwei Wochen ist schnell erkennbar, wie gut eine Idee ist. „Ich mag es, dass man nicht wochenlang dasitzt und einen Plan macht, der am Ende nicht funktioniert“, berichtet sie weiter. Wenn etwas nicht funktioniere, werde es beim agilen Arbeiten sogleich verworfen. Um sein Ziel zu erreichen, sei es manchmal nötig, völlig neue Wege zu gehen. Dadurch lerne man viel.

„Am Anfang haben wir viel gefragt und diskutiert, es wirkte alles sehr unstrukturiert. Das ist es aber überhaupt nicht. Die Begleitung durch die Agile Coaches war essenziell, da sie die Experten für die Methoden sind und auch schauen, ob Ziele und Aufgaben zueinander passen. Jedes Team ist selbst dafür verantwortlich, dass die festgelegten Ziele auch erreicht werden. Mit der Zeit läuft es von selbst und die Teams gelangen zur „agile maturity“. Die individuelle Leistung tritt dabei hinter die Leistung des Teams zurück.“

Ivo, ING Chapter Lead Customer Journey

Was rät sie den deutschen Kollegen für die Transformation? Nienke sagt: „Die größte Hürde sind die eigenen Ängste und Unsicherheiten. Auch das Loslassen der Hierarchien kostet Überwindung.“ Sie ist davon überzeugt, „dass gerade die deutschen Kollegen auch agiles Arbeiten zur Perfektion bringen können – wenn sie offen für die Veränderung sind“.

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