Ich sag's euch_Teaser

  © Rinah Lang

Das Kind in mir

Mein Motto: Offen sein für Neues, mit Vorfreude ins Ungewisse. Ich reise nicht nur als Zirkusartist durch die Welt. Seit einer alles verändernden Berufs­entscheidung begreife ich mein ganzes Leben als Reise. Ausgang ungewiss.

Ein Gastbeitrag von Pascal Häring

Kurz vor dem Abitur, ich war 19 Jahre alt und ein engagierter Jugendlicher, aktiv im regionalen Jugendparlament und voller Energie und Utopien, führte ich ein Gespräch mit einem Erwachsenen, an das ich mich heute noch erinnern kann. Unter anderem erklärte ich ihm, dass ich niemals das Kind in mir verlieren und bis ans Ende meines Lebens meine Neugierde, Verspieltheit und Unbeschwertheit behalten möchte. Als Antwort erhielt ich ein besserwisserisches Lächeln und die Worte: „Wir reden dann in 20 Jahren wieder miteinander …“

Zwölf Jahre später, im Jahr 2009, stehe ich im Kostüm auf der Bühne einer Mehrzweckhalle. Vor mir eine Kollegin mit Videokamera, die gerade zum wiederholten Mal meine Jonglier- und Pantomimen-Nummer gefilmt hat. Wir haben bereits einen Durchlauf im Kasten, bei dem das Mimen-Spiel perfekt funktionierte, ich aber einen Ball fallen ließ. Natürlich strebe ich nach der fehlerlosen, perfekten Darbietung. Sie will mir an diesem Tag aber nicht gelingen. Die Videoaufnahmen werde ich am folgenden Tag trotzdem auf DVD brennen und nach Neuseeland schicken, als Bewerbung für die Zirkusschule CircoArts in Christchurch. Zwischen diesen beiden Episoden liegt ein Lebensabschnitt, in dem ich zunehmend „erwachsen“ geworden bin. Erst das Abitur, dann folgten ein Jahr Zivildienst, das Physikstudium, abgeschlossen mit Bestnoten, eine Weltreise und eine Saison als Skilehrer. Und schließlich der Berufseinstieg als Produkt- und Key Account Manager bei einem dynamischen und erfolgreichen Unternehmen der Mikroelektronik. Ich stand am Anfang einer aussichtsreichen Laufbahn, hatte tolle Kollegen und Vorgesetzte, war verantwortlich für Projekte mit internationalen Großkunden und hatte ein gutes Gehalt. Trotzdem war ich nicht wirklich glücklich. Die Businesswelt war nicht meine Welt. Der Job mehr Pflicht als Berufung.

PASCAL HAERING - Showreel 2016

Deshalb die Bewerbung bei dieser Zirkusschule am anderen Ende der Welt. Sicher bin ich mir nicht, ob es der richtige Weg ist. Aber schon das Kreieren, Filmen und Zusammenstellen der Bewerbungsunterlagen ist ein spannendes und herausforderndes Projekt. Aufgenommen werde ich an der Schule wohl sowieso nicht, denke ich mir. Mit 31 Jahren bin ich schließlich schon ziemlich alt dafür. Und falls doch, dann kann ich mir ja immer noch überlegen, ob ich das Angebot akzeptieren und meinen Job hinschmeißen soll. Vielleicht wird es ja auch einfach eine kleine Auszeit, ein Sabbatical? Drei Monate später sitze ich im Flugzeug nach Neuseeland. Meine Bewerbung wurde akzeptiert, mein Job ist gekündigt. Es ist der Beginn meines zweiten Lebens. In Christchurch erlerne ich die Kunst des „Cyr Wheel“, Artistik in einem körpergroßen metallenen Ring. Ich entdecke aber auch ein neues Lebensgefühl, lerne, einfacher zu leben, weniger zu planen und das Hier und Jetzt zu genießen. Und schon nach den ersten Wochen schaue ich nicht mehr zurück, sondern nur noch nach vorn.

Das Jahr in Neuseeland wird zum schönsten meines Lebens und endet mit einem großen Knall. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach meiner Ankunft legt ein Erdbeben die gesamte Innenstadt von Christchurch in Schutt und Asche, zerstört das Haus, in das ich am Tag zuvor eingezogen bin, tötet 185 Menschen. Und vertreibt mich aus dieser Stadt, die mein neues Zuhause geworden ist. Seither bin ich ein Reisender in Sachen Zirkus. Ich trainiere noch ein Jahr an der Zirkusschule in Melbourne, ziehe mit einem traditionellen Zirkus mit Wohnwagen und Zelt durch Neuseeland, spiele in verschiedenen Shows und auf Festivals in der Schweiz, Frankreich und Deutschland, unterhalte die Passagiere auf der Fähre zwischen Kiel und Oslo und stehe ein Jahr lang mit einer Musical-Produktion auf einigen der größten Bühnen Großbritanniens. Schließlich lasse ich mich in der englischen Stadt Bristol nieder, einer Stadt mit einer vielfältigen und allgegenwärtigen Zirkuskultur.

Im Gespräch mit Freunden in normalen Jobs fällt mir vor allem ein Unterschied auf: die Planbarkeit des Lebens. Während andere über Jahre hinaus wissen (oder zu wissen glauben), wo sie arbeiten werden und wann sie wo in den Urlaub fahren, weiß ich höchstens ein paar Monate im Voraus, was meine nächste Station sein wird. Diese Unsicherheit kann belastend sein. Doch sie geht mit einer großen Freiheit einher, der Freiheit, offen zu sein für all die Chancen und Möglichkeiten, die am Wegrand auf uns warten. Ich zumindest möchte nicht auf die Vielfalt an Erfahrungen und Erlebnissen verzichten, die ich damit in den letzten sieben Jahren machen durfte. Und was kommt als Nächstes? Ich weiß es nicht. Aber es wird etwas kommen. Bestimmt.

Manchmal kommen mir gleichaltrige Freunde unheimlich alt vor. Dann nämlich, wenn sie die Neugierde, Verspieltheit und Unbeschwertheit der Kinder vermissen lassen. Leider weiß ich nicht mehr, mit wem ich vor 20 Jahren das eingangs erwähnte Gespräch geführt habe. Hätte ich damals eine Wette abgeschlossen, ich hätte sie gewonnen.