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  © Hendrik Jonas

Den Hut
aufbehalten

Wer nie aufgibt und sich immer wieder anpasst, hat Erfolg. Das ist in Zeiten der Digitalisierung wichtiger denn je. Und was noch wichtiger ist: Tradition und Moderne passen definitiv unter einen Hut.

Ein Gastbeitrag von Alexander Breiter

Ein Mann ohne Hut ist wie ein Mann ohne Hose, hieß es in den 1960er-Jahren. Für mich gilt das auch heute noch. Aber das zählt wohl nicht richtig. Schließlich führe ich in der fünften Generation Breiter Hut & Mode, ein traditionsreiches Hutfachgeschäft in München. Dennoch bin ich mit meiner Liebe zum Hut nicht allein. Auch heute tragen Jugendliche von morgens bis abends Beanies und Basecaps. Kappen, Mützen und Hüte sind wieder im Trend. Dabei sind Kopfbedeckungen kein einfaches Produkt. Wer kennt schon seine Hutgröße?

Dennoch boomt unser Onlineshop. Und inzwischen kommen sogar Kunden, die unser Geschäft nur aus der Onlinewelt kennen, eigens für einen unserer Hutläden in die Stadt. Das ist natürlich toll. Wir fertigen in der eigenen Manufaktur, haben vier Filialen sowie drei Franchise-Läden in München und Starnberg und sind heute eines der größten Hutfachgeschäfte in Europa. Darauf bin ich sehr stolz. Dennoch lief auch bei uns nicht immer alles rund.

Nach dem Wiederaufbau unseres Geschäfts nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum Einbruch der gesamten Branche. Die Kopfbedeckung als gesellschaftliches Muss starb in den 1970er-Jahren langsam aus und die Jugend wandte sich vom Hut als Modeaccessoire ab. Meine Vorgänger und ich haben dennoch nie aufgegeben und uns immer wieder mit neuen Ideen, Energie und Tatkraft den veränderten Gegebenheiten angepasst. Mein Großvater hat damals zum Beispiel Pelzmützen für Männer in Deutschland eingeführt – ein absolutes Novum zur damaligen Zeit.

Mitte der 1990er-Jahre wurde der erste Breiter Hut & Mode-Onlineshop eröffnet. Doch die Nutzerzahlen und Umsätze waren mäßig. Unsere Konkurrenten spotteten, Hüte seien kein Geschäftsmodell für das Internet. Leider behielten sie damals recht.

Videoporträt

Kaum jemand kaufte unsere Hüte im Netz. Heute denke ich, es war einfach noch zu früh. Es gab noch keine Dienste wie Paypal und das Prinzip der Vorkasse hatte sich noch nicht durchgesetzt. Den Käufern fehlte das Vertrauen. Nach wenigen Jahren mussten wir den Onlineshop wieder schließen. Das Thema E-Commerce ließ mich aber nie richtig los.

2009 startete ich daher den zweiten Versuch. Wobei ich dafür intern die eine oder andere Hürde überwinden und Überzeugungsarbeit bei Skeptikern leisten musste. Meine Mitarbeiter befürchteten Mehrarbeit und sahen keinen Mehrwert. Erfahrene Verkäufer mussten neben dem Verkaufen auch Onlinebestellungen abarbeiten. Das war nicht einfach zu vermitteln. Etablierte Arbeitsstrukturen sind nicht leicht zu durchbrechen. Das geht nur mit einer gehörigen Portion Mut und Begeisterung. Wichtig ist dabei, die Sorgen und Ängste der Menschen ernst zu nehmen. Und das habe ich bei meinen Mitarbeitern versucht. Ich habe mich damals in den Laden gestellt und offen diskutiert, aber den Hut aufbehalten und bevorstehende Entscheidungen angekündigt. Glücklicherweise zogen danach alle an einem Strang

Beim zweiten Anlauf, einen Onlineshop erfolgreich zu betreiben, starteten wir erst einmal mit einem kleinen Sortiment. Die Produkte sollten die Kunden nicht überfordern. Ich ging Schritt für Schritt vor, ganz behutsam. Und erst nachdem ich den Onlineshop eröffnet hatte, traute ich mich an Amazon heran. Über die Plattform konnten wir als relativ kleines Unternehmen schnell viele Kunden erreichen.

Der Erfolg kam dennoch nicht von heute auf morgen. Wie immer im Leben mussten wir online erst dazulernen. Die hochwertigen kanadischen Mützen, die wir im Digitalgeschäft schon als Topseller eingeplant hatten, wurden zum Ladenhüter. Stattdessen waren die vergleichsweise günstigen Kappen schnell ausverkauft. So tasteten wir uns gemeinsam an das Thema E-Commerce heran, packten Pakete und verschickten sie. Auf einmal hagelte es Bestellungen und die Zugriffszahlen schossen durch die Decke.

Das Tolle am Onlineshop ist: Ich bekomme direktes Kundenfeedback. Daraus kann ich lernen und so unser Sortiment laufend anpassen. Mittlerweile habe ich sogar extra für den Onlineshop zusätzliche Mitarbeiter eingestellt und unsere Warenwirtschaft umgestellt. Über Amazon erzielen wir nun einen beachtlichen Anteil unseres Umsatzes. Ohne den Onlinehandel könnte ich heute nicht so zuversichtlich nach vorn blicken. Wir setzen nun voll auf den Verkauf über das Internet und vertreiben unsere Produkte in ganz Deutschland. Verrückt, wenn man bedenkt, wie mein Ur-Ur-Ur-Großvater angefangen hat: 1863 als fahrender Hutmacher rund um Rott am Inn. Doch das ist lange her. Die Zeiten haben sich geändert. Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere stationären Filialen nur dank des guten Onlinegeschäfts langfristig überleben werden.

Was bleibt, ist der Hut. Manche Kunden kaufen noch immer lieber im Laden als über das Internet. Für sie ist die richtige Wahl der Kopfbedeckung mit Unsicherheit verbunden. Passt mir der Hut? Sieht er gut auf meinem Kopf aus? Das sind die zwei wichtigsten Fragen unserer Kunden. Häufig läuft es deswegen so: Hutkäufer schauen im Onlineshop, kaufen aber im Laden. Der Onlinehandel beflügelt den stationären Handel. Das ist für mich das größte Kompliment überhaupt. Zumal wir nicht auf unsere Filialen verzichten wollen. Warum auch?

Ich glaube, dass jede Veränderung eine große Bereicherung sein kann und große Chancen bietet. Deswegen habe ich auch keine Angst vor der Zukunft. Im Gegenteil. Seit dem vergangenen Jahr expandieren wir auch international. Über Amazon vertreiben wir nun unsere Hüte, Mützen und Kappen auch in Großbritannien und Frankreich. Und wir wollen weiterwachsen. Unsere Mission lautet: Hüte in die ganze Welt zu verkaufen, selbst wenn wir dafür erneut das ein oder andere Mal scheitern müssen.